Meine erste Praktikumswoche verbrachte ich in der neurologischen Abteilung des
Krankenhauses. Bereits in den ersten Tagen erhielt ich intensive Einblicke in die Arbeit der
Physiotherapie und in die Herausforderungen des Klinikalltags in Malawi.
Am Vormittag wurden die ambulanten Patientinnen und Patienten behandelt. Auf zwölf
Behandlungsliegen fanden parallel Therapiesitzungen von jeweils etwa 45 Minuten statt. Am
ersten Tag begleitete ich erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten, um die Abläufe,
Behandlungsmethoden und den Umgang mit den Patientinnen und Patienten kennenzulernen.
Die Atmosphäre in der Abteilung war lebendig und geschäftig. Sieben Physiotherapeutinnen
und Physiotherapeuten sowie vier Praktikantinnen und Praktikanten arbeiteten gleichzeitig
mit den Patientinnen und Patienten, die meist von ein oder zwei Angehörigen begleitet
wurden. Der Austausch untereinander war intensiv, man unterstützte sich gegenseitig und
nutzte jeden verfügbaren Raum. Neben den Behandlungsliegen gab es einen kleinen
Trainingsbereich, in dem weitere Patientinnen und Patienten Übungen durchführten. Dadurch
herrschte auf engem Raum stets reger Betrieb.
An den Nachmittagen war ich gemeinsam mit Etta und Monalisa, zwei Praktikantinnen, auf
verschiedenen Stationen unterwegs. Dazu gehörten neurologische Stationen für Frauen und
Männer, auf denen beispielsweise Menschen nach Schlaganfällen oder mit neurologischen
Folgen einer Tuberkulose behandelt wurden. Außerdem betreuten wir Patientinnen und
Patienten nach neurochirurgischen Eingriffen, etwa infolge von Unfällen oder Hirntumoren.
Die Arbeit auf den Stationen stellte uns immer wieder vor organisatorische
Herausforderungen. Zunächst erhielten wir im Stationszimmer die Namen der Personen, die
für eine physiotherapeutische Behandlung infrage kamen. Anschließend begann häufig die
Suche: Patientinnen und Patienten befanden sich nicht in den angegebenen Zimmern,
Krankenakten waren nicht auffindbar oder Entlassungen beziehungsweise Todesfälle waren
noch nicht dokumentiert. Oft notierten wir zehn bis fünfzehn Namen, fanden jedoch nur
wenige der betreffenden Personen tatsächlich vor.
Die Stationen waren vielerorts stark überbelegt. Zimmer, die ursprünglich für vier Personen
vorgesehen waren, wurden teilweise von deutlich mehr Patientinnen und Patienten genutzt. In
einigen Fällen mussten Menschen auf Matratzen im Flur oder auf Balkonen untergebracht
werden. Die Eindrücke waren überwältigend und verlangten hohe Konzentration. Besonders
die Enge, die Hitze und die allgegenwärtige Belastung des Krankenhausalltags hinterließen
einen bleibenden Eindruck.
Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass es sich um das größte Krankenhaus der
Region handelt. Hier werden die schwersten und komplexesten Fälle behandelt, und die
medizinische Versorgung ist für die Bevölkerung kostenlos zugänglich.
Etta und Monalisa, die sich beide im Anerkennungsjahr befanden, unterstützten mich während
dieser Woche sehr. Sie erklärten mir nicht nur fachliche Abläufe, sondern vermittelten mir
auch wichtige Einblicke in die malawische Kultur, gesellschaftliche Gepflogenheiten und den
respektvollen Umgang mit Patientinnen und Patienten sowie deren Familien.
Bewegende Begegnungen
Bereits am zweiten Tag erhielt ich meine erste eigene Patientin. Während der Untersuchung
wurde mir schnell bewusst, dass sie sich vermutlich in ihrer letzten Lebensphase befand. Sie
zeigte keinerlei Reflexe oder Reaktionen. Der Abteilungsleiter bat mich dennoch, die
Befundung eigenständig durchzuführen, um meine fachlichen Fähigkeiten einschätzen zu
können.
Eine besondere Herausforderung bestand darin, mit den Angehörigen über die Situation zu
sprechen. Schon am ersten Tag hatte ich gelernt, dass in Malawi schwierige Nachrichten
häufig indirekter vermittelt werden als in Deutschland. Mit meinen noch begrenzten
Chichewa-Kenntnissen versuchte ich deshalb, die Situation behutsam zu erklären. Die beiden
Töchter verstanden die Botschaft und bedankten sich für die ehrlichen Worte. Zwei Stunden
später verstarb ihre Mutter. Diese erste Begegnung hat mich tief bewegt und wird mir lange in
Erinnerung bleiben.
Ein weiterer Patient war ein 31-jähriger Mann, der nach einem Schlag auf den Kopf schwere
neurologische Einschränkungen erlitten hatte. Er konnte lediglich minimale Bewegungen im
linken Arm ausführen. Nach zwei Wochen wurde er in das einzige Rehabilitationszentrum des
Landes im Süden Malawis verlegt – weit entfernt von seiner Familie und seinem Zuhause.
Besonders berührend war auch die Geschichte eines jungen Farmers, der bei einem
Motorradunfall ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitt. Er konnte sich kaum ansprechbar
zeigen und hatte nahezu alle Erinnerungen an sein bisheriges Leben verloren. Seine
vierjährige Tochter wich kaum von seiner Seite und hatte große Schwierigkeiten zu verstehen,
warum ihr Vater plötzlich so verändert war.
Ein 27-jähriger Landwirt wurde von seiner Freundin gepflegt, nachdem eine Tuberkulose mit
Ausbreitung in die Wirbelsäule zu schweren neurologischen Ausfällen geführt hatte. Solche
Krankheitsverläufe ähneln teilweise den Folgen einer Querschnittslähmung. Viele Betroffene
kämpfen gleichzeitig mit weiteren gesundheitlichen Belastungen wie einer HIV-Infektion.
Eine 42-jährige Frau erlitt während des Kochens über offenem Feuer einen Schlaganfall.
Durch den Sturz in die Feuerstelle zog sie sich zusätzlich schwere Verbrennungen am Arm
zu.
Besonders beeindruckte mich eine junge Frau mit Guillain-Barré-Syndrom. Sie lebte bereits
seit einem Jahr im Krankenhaus, da sie dauerhaft auf Sauerstoff angewiesen war. In ihrem
Heimatdorf gab es jedoch weder eine zuverlässige Stromversorgung noch die Möglichkeit,
die notwendige Technik zu betreiben. Trotz ihrer schweren Einschränkungen begegnete sie
ihrem Alltag mit bemerkenswerter Lebensfreude und Humor.
Auch ein 58-jähriger Computerfachmann mit den Folgen eines Schlaganfalls blieb mir in
Erinnerung. Er konnte mit Unterstützung gehen, hatte jedoch erhebliche Sprach- und
Verständnisprobleme. Zweimal pro Woche reiste er zur Therapie an. Da er aufgrund seiner
Einschränkungen keine öffentlichen Minibusse nutzen konnte, war er auf teure Taxifahrten
angewiesen – eine enorme finanzielle Belastung.
Persönliche Eindrücke
Die Woche war intensiv, lehrreich und emotional herausfordernd. Ich behandelte viele
Patientinnen und Patienten und lernte dabei nicht nur medizinische Besonderheiten kennen,
sondern auch viel über das Leben in der Stadt und die Lebensrealitäten der Menschen vor Ort.
Gleichzeitig wurde viel gelacht. Besonders meine Chichewa-Kenntnisse sorgten immer
wieder für Überraschung und Freude. Mehrfach wurde mir gesagt, dass ich die erste weiße
Praktikantin sei, die sich mit den Patientinnen und Patienten in ihrer Sprache verständigen
könne. Dadurch entstand schnell Vertrauen, und ich konnte viele Gespräche eigenständig
führen.
Fazit aus der Neurologie
Eine Beobachtung zog sich durch nahezu alle Stationen: Die Zahl der Menschen mit
Bluthochdruck ist auffallend hoch. Besonders bemerkenswert war, dass viele Betroffene
deutlich jünger waren, als man es aus Deutschland gewohnt ist. Schlaganfälle treten hier
häufig bereits in vergleichsweise jungen Jahren auf.
Die genauen Ursachen sind komplex und können nicht eindeutig benannt werden. Im
Austausch mit Kolleginnen und Kollegen wurden jedoch verschiedene mögliche
Einflussfaktoren diskutiert, darunter Mangelernährung, wirtschaftliche Unsicherheit,
chronischer Stress, familiäre Belastungen und die täglichen Herausforderungen des Lebens.
Viele dieser Faktoren greifen ineinander und machen deutlich, wie eng Gesundheit und
Lebensbedingungen miteinander verbunden sind.
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