Meine zweite Praktikumswoche verbrachte ich in der Kinderphysiotherapie. Gemeinsam mit
Sarah und Mphatso durfte ich die kleinen Patientinnen und Patienten betreuen und erhielt
einen tiefen Einblick in die pädiatrische Versorgung in Malawi.
Beide leisten beeindruckende Arbeit. Besonders Sarah, die sich noch in der Ausbildung
befindet, verfügt bereits über ein bemerkenswertes Fachwissen, begegnet den Kindern mit
großer Geduld und unterstützte auch mich bei vielen Fragen. Die Arbeit auf der Station
verlangte viel Einfühlungsvermögen, Fachwissen und emotionale Stärke.
Die Atmosphäre unterschied sich deutlich von der in den Erwachsenenabteilungen. Es war
laut: Kinder weinten, riefen oder spielten, Eltern sprachen miteinander und das Klinikleben
war ständig präsent. Gleichzeitig gab es immer wieder Momente der Stille. Oft waren gerade
diese Augenblicke besonders bedrückend, denn sie bedeuteten häufig, dass sich ein Kind in
einem kritischen Zustand befand.
Auch die Gefühle der Eltern und Angehörigen waren deutlich spürbar. Zwischen Hoffnung
und Verzweiflung begleiteten sie ihre Kinder durch oft lange und schwierige
Krankheitsverläufe.
Bewegende Begegnungen
Während der Woche begegnete ich vielen Kindern mit sehr unterschiedlichen
Krankheitsbildern und Lebensgeschichten.
Ein 16-jähriger Fußballspieler litt zunächst unter Rückenschmerzen und erhielt eine Injektion
im Rückenbereich. Seitdem ist er ab Höhe des dritten Lendenwirbels inkomplett gelähmt. Ein
MRT über das öffentliche Gesundheitssystem würde erst nach mehreren Monaten möglich
sein, während eine schnellere Untersuchung privat bezahlt werden müsste – für viele Familien
eine kaum erreichbare Summe.
Besonders bewegend war die Geschichte eines zweijährigen Mädchens, das bereits sieben
Operationen hinter sich hatte. Aufgrund eines seltenen Krankheitsbildes wuchsen wiederholt
Gewebeveränderungen im Bereich der Stimmlippen, die eigentlich gut behandelbar gewesen
wären. Nach Komplikationen während einer Operation erlitt das Kind jedoch einen schweren
Sauerstoffmangel und ist heute auf umfassende Pflege angewiesen.
Ein 13-jähriger Junge entwickelte nach einer zunächst harmlos erscheinenden Infektion eine
schwere Entzündung im Bereich des Schädels. Die Erkrankung führte zu neurologischen
Ausfällen und vermutlich dauerhaften Einschränkungen der rechten Körperhälfte.
Weitere Kinder litten unter seltenen genetischen Erkrankungen wie dem Turner-Syndrom
oder dem Cornelia-de-Lange-Syndrom. Viele Familien nahmen weite Wege auf sich, um
ihren Kindern Zugang zu Therapie und medizinischer Versorgung zu ermöglichen.
Besonders häufig begegneten uns Kinder mit Zerebralparese. Diese neurologische
Erkrankung entsteht durch frühkindliche Schädigungen des Gehirns und führt zu dauerhaften
Bewegungs- und Haltungsstörungen. Für die betroffenen Familien bedeutet dies oftmals einen
lebenslangen Unterstützungsbedarf.
Auch Kinder mit Hirntumoren wurden aus allen Teilen des Landes nach Lilongwe
überwiesen. Viele von ihnen erhielten hier die einzige Chance auf eine operative Behandlung.
Ein weiteres großes Problem stellt die Kombination aus Unterernährung und
Infektionskrankheiten dar. Erkrankungen, die andernorts oft gut behandelbar sind, können
unter diesen Bedingungen lebensbedrohlich werden. Besonders Lungenentzündungen
verlaufen häufig schwer.
Immer wieder begegneten wir auch Unfallopfern. Die Verkehrssicherheit ist vielerorts
unzureichend, sodass schwere Verletzungen durch Verkehrsunfälle leider häufig vorkommen.
Viele Kinder erleiden dabei Schädel-Hirn-Traumata oder komplizierte Knochenbrüche.
Trotz aller Schwere gab es auch Momente, die Hoffnung machten. Ein vierjähriger Junge mit
einer angeborenen Einschränkung der rechten Hand spielte begeistert Fußball und zeigte
dabei beeindruckende Fähigkeiten. Seine Lebensfreude war ansteckend.
Eine andere Begegnung ging mir besonders nahe: Ein sechsjähriges Mädchen war vor einem
schweren Verkehrsunfall die Beste ihrer Kindergartengruppe gewesen. Die Mutter hielt
weiterhin an der Hoffnung fest, dass ihre Tochter bald eingeschult werden könne. In Malawi
werden schlechte Prognosen oft deutlich vorsichtiger kommuniziert als in Deutschland.
Hoffnung spielt in vielen Gesprächen eine wichtige Rolle. Als Praktikantin war es nicht
meine Aufgabe, diese Hoffnung infrage zu stellen, auch wenn die medizinische Situation
äußerst kritisch erschien.
Ein zehnjähriger Junge mit Schädel-Hirn-Trauma zeigte anhaltende Schmerzen und
Bewegungseinschränkungen. Gemeinsam mit den Physiotherapeutinnen und
Physiotherapeuten entstand der Verdacht auf weitere bisher unerkannte Verletzungen.
Zusätzliche Untersuchungen bestätigten schließlich weitere Frakturen. Die Familie war aus
dem Kongo geflüchtet, wodurch die Kommunikation zusätzlich erschwert wurde. Besonders
schön war jedoch zu sehen, wie bereits kleine physiotherapeutische Maßnahmen ihm
Erleichterung verschaffen konnten.
Mein Fazit
Die Woche in der Kinderphysiotherapie war eine der intensivsten Erfahrungen meines
bisherigen Aufenthalts. Da ich in Deutschland kaum mit Kindern und Säuglingen gearbeitet
hatte, waren viele Therapieansätze und Behandlungsmethoden für mich neu.
Gleichzeitig habe ich erlebt, mit welcher Hingabe die Therapeutinnen und Therapeuten ihre
jungen Patientinnen und Patienten begleiten. Trotz begrenzter Ressourcen wird jeden Tag
versucht, das Beste für die Kinder und ihre Familien zu erreichen. Diese Woche hat mir
eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig Geduld, Kreativität und Menschlichkeit in der
Physiotherapie sind.
Kommentar hinzufügen
Kommentare