Meine vierte Woche verbrachte ich auf den Stationen für Verbrennungen und Onkologie. Da
mein Einsatz insgesamt nur sieben Wochen dauert, es aber acht große Fachbereiche gibt,
wurde diese Woche auf zwei Abteilungen aufgeteilt.
Verbrennungen
Die erste Hälfte der Woche verbrachte ich auf der Verbrennungsstation. Für mich war dies ein
völlig neues Arbeitsfeld, da ich in Deutschland bisher nie mit Patientinnen und Patienten mit
schweren Verbrennungen gearbeitet habe.
Generell spielt Feuer im Alltag vieler Menschen in Malawi eine deutlich größere Rolle als in
Deutschland. Überall begegnet man offenen Feuerstellen: Müll wird vor dem Haus verbrannt,
gekocht wird häufig über offenem Feuer, Wasser wird damit erhitzt, Feuer dient als
Wärmequelle und wird auch zur Brandrodung genutzt. Dadurch entstehen zahlreiche
Situationen, in denen Unfälle passieren können. Besonders Kinder spielen oft mit Feuer, ohne
sich der Gefahr bewusst zu sein.
Ein zentraler Bestandteil der physiotherapeutischen Behandlung besteht darin, die von den
Verbrennungen betroffenen Gelenke beweglich zu halten. Dabei entsteht ein ständiger
Balanceakt: Einerseits sollen die Wunden möglichst gut heilen, andererseits dürfen die
Gelenke nicht versteifen. Die Therapie ist für die Betroffenen häufig sehr schmerzhaft, aber
entscheidend für ihre spätere Beweglichkeit.
Fallbeispiele
Die zwei Mädchen mit den Verbrühungen
Zwei Mädchen im ähnlichen Alter hatten sich versehentlich mit heißem Wasser übergossen.
Betroffen waren große Teile des Oberkörpers, die Hände sowie die Beine.
Eines der Mädchen flehte mich während der Therapie an, sie zu retten. Um sie abzulenken,
erzählte ich ihr von meinem Hund Theo in Deutschland und versprach ihr, nach der
Behandlung Fotos und Videos von ihm zu zeigen. Danach wurde sie deutlich ruhiger und wir
konnten die Therapie fortsetzen. Besonders berührend fand ich, dass ihr Stoffhund kurze Zeit
später ebenfalls den Namen Theo bekam.
Der dreijährige Junge
Ein dreijähriger Junge erlitt schwere Verbrennungen, nachdem er ein Tuch hinter sich
hergezogen hatte, das durch eine Feuerstelle in Brand geriet. Fast sein gesamter Oberkörper,
beide Arme, Teile der Beine und sein Gesicht waren betroffen.
Die Angehörigen berichteten, der Unfall liege etwa zehn Tage zurück. Der Zustand der
Wunden deutete jedoch darauf hin, dass die Verletzungen vermutlich schon länger bestanden.
Viele Familien aus ländlichen Regionen suchen zunächst traditionelle Heiler auf. Dort werden
beispielsweise Erde oder andere Naturprodukte auf die Wunden aufgetragen, was die Heilung
zusätzlich erschweren kann.
Auffällig waren schwarze Streifen an Armen und Beinen. Vermutlich war der Junge im Dorf
mit Tüchern oder Seilen fixiert worden, um ihn an Bewegungen zu hindern.
Die Familie nach dem Hausbrand
Ein Familienvater verlor bei einem Brand seine Tochter. Sowohl er selbst als auch seine Frau
erlitten schwere Verbrennungen.
Zwei Wochen nach dem Unglück erlag auch der Vater seinen Verletzungen. Solche
Schicksale machen deutlich, welche dramatischen Folgen Verbrennungsunfälle haben können.
Nicht nur körperlich, sondern auch für ganze Familien.
Der junge Mann mit den langwierigen Wunden
Ein junger Mann lagerte Benzin in seinem Zuhause und erlitt dabei schwere Verbrennungen.
Bereits zehn Monate nach dem Unfall waren die Wunden noch immer nicht vollständig
verheilt.
Seit zwei Wochen wurden keine Verbandswechsel mehr durchgeführt. Stattdessen schlief er
unbekleidet unter einer improvisierten Konstruktion aus einem Gestell, das mit Decken
verhängt war, um die Wunden zu schützen. Überraschenderweise zeigte sich seitdem eine
leichte Verbesserung des Heilungsverlaufs.
In Malawi wird immer wieder über Benzinknappheit berichtet. Um von steigenden Preisen zu
profitieren, lagern manche Menschen größere Mengen Kraftstoff zu Hause und verkaufen ihn
später auf dem Schwarzmarkt weiter. Dieses Vorgehen birgt erhebliche Risiken und führt
immer wieder zu schweren Unfällen.
Stromleitung im Baum
Ein junger Mann versuchte, mit einer Eisenstange Früchte von einem Baum zu schlagen.
Dabei übersah er, dass eine Stromleitung durch die Baumkrone verlief. Durch den
Stromschlag erlitt er schwere Verbrennungen an beiden Händen und am rechten Fuß.
Sturz ins Feuer
Eine hochbetagte Frau stürzte und fiel in eine Feuerstelle. Dabei verbrannte ihre gesamte
rechte Körperseite.
Ein ähnlicher Fall betraf eine etwa 40-jährige Frau, die einen Schlaganfall erlitt und dadurch
ins Feuer fiel. Bei ihr war vor allem der rechte Arm betroffen.
Mein Eindruck
Die Tage auf der Verbrennungsstation waren äußerst eindrucksvoll und haben mich
nachhaltig beschäftigt. Besonders beeindruckt hat mich die Kreativität und das
Improvisationstalent der Mitarbeitenden. Immer wieder mussten Lösungen gefunden werden,
wenn notwendige Materialien nicht verfügbar waren, beispielsweise bei der Herstellung von
Schienen oder Lagerungshilfen.
Gleichzeitig habe ich einen großen persönlichen Lerneffekt mitgenommen. Die Arbeit mit
Menschen, die schwere Verbrennungen erlitten haben, hat mir deutlich vor Augen geführt,
welche enormen Schmerzen solche Verletzungen verursachen. Diese Erfahrungen haben
meinen Respekt vor der Gefahr von Feuer noch einmal erheblich vergrößert.
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