Mein erster Kontakt mit der onkologischen Station begann auf eine unerwartete Weise.
Während ich auf der Terrasse auf meinen Einsatz wartete, setzte sich ein etwa zehnjähriges
Mädchen wortlos neben mich auf die Bank in der Sonne. Ohne große Begrüßung holte sie ein
Bao-Spiel hervor und machte schnell klar, dass sie spielen wollte.
Bao ist ein traditionelles Strategiespiel, das in Malawi sehr beliebt ist. Obwohl ich das Spiel
bereits während meines Aufenthalts in Guilleme gesehen hatte, hatte ich mich nie näher damit
beschäftigt. Strategische Brettspiele gehören normalerweise nicht zu meinen Interessen. Das
Mädchen ließ mir jedoch keine Wahl – und so begann eine Partie nach der anderen. Da ich
die Regeln kaum verstand, gewann sie selbstverständlich fast jedes Spiel. Das schien ihr
große Freude zu bereiten.
An Gesprächen war sie kaum interessiert. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Spiel. Etwa
eine Stunde lang spielten wir gemeinsam, bis ihre Kräfte nachließen. Ohne viele Worte stand
sie auf und ging. Später kam ihre Mutter zu mir und erzählte, dass ihre Tochter den restlichen
Tag ungewöhnlich fröhlich gewesen sei. Für einige Stunden hätten sie die Sorgen rund um die
Krebserkrankung vergessen können. Diese Begegnung hat mich besonders berührt und
gezeigt, wie viel selbst kleine Momente bewirken können.
Die Krebsstation wird nicht staatlich, sondern von einem privaten Träger betrieben. Dadurch
stehen vergleichsweise viele Ressourcen zur Verfügung. Neben der medizinischen
Versorgung gibt es Sozialarbeiterinnen, einen kleinen Spielplatz sowie eine Garage voller
Spielzeuge für die Kinder. Viele der aktiveren Spielgeräte wie Fahrräder oder Bobbycars
können jedoch oft nicht genutzt werden, da die jungen Patientinnen und Patienten körperlich
zu geschwächt sind. Umso wichtiger sind einfache Beschäftigungsmöglichkeiten wie Malen,
Basteln oder Gesellschaftsspiele.
Während eines gemeinsamen Treffens aller Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten der
verschiedenen Stationen sprach der Abteilungsleiter ein bemerkenswertes Thema an. Er fragte
die Mitarbeitenden der Onkologie, wie es ihnen psychisch gehe und ob langfristig eine
professionelle psychologische Betreuung für das Personal notwendig sei. Diese Frage
verdeutlichte, wie belastend die tägliche Arbeit mit schwerkranken Kindern sein kann und wie
wichtig die Fürsorge für die Mitarbeitenden ist.
Über die medizinische Behandlung selbst kann ich nur begrenzt berichten. Mein Eindruck war
jedoch, dass die Versorgung auf einem hohen Niveau erfolgt. Die Station wirkt ruhig und
entschleunigt – ein Ort, an dem trotz schwerer Diagnosen versucht wird, Normalität und
Geborgenheit zu schaffen.
Besonders viel Zeit verbrachte ich mit einem 14-jährigen Mädchen, das mich durch seinen
Humor beeindruckte. Jeder Satz war von Lebensfreude und Schlagfertigkeit geprägt. Vor
sechs Monaten war ihr linkes Bein amputiert worden. Nun befand sie sich erneut auf der
Station. Ihr rechtes Knie war durch einen Knochentumor so stark angeschwollen, dass es
größer als ein Fußball wirkte.
Da bereits ein Bein amputiert worden war, vermutete ich zunächst, dass die Erkrankung weit
fortgeschritten sein musste. Ein Blick in die Patientenakte bestätigte diesen Verdacht: Es
hatten sich bereits Metastasen im gesamten Körper gebildet.
Im Gespräch mit einer Ärztin erfuhr ich, dass viele Menschen in Malawi traditioneller
Naturmedizin großes Vertrauen schenken. Nicht selten wenden sich Familien zunächst an
traditionelle Heiler, bevor sie medizinische Einrichtungen aufsuchen. Dabei kommen
beispielsweise Kräuter, Wurzeln oder selbst hergestellte Pasten zum Einsatz. Teilweise
werden auch kleine Hautschnitte vorgenommen, in die diese Mittel eingebracht werden.
Neben dem hohen Infektionsrisiko führt dies häufig dazu, dass wertvolle Zeit verloren geht, in
der eine medizinische Behandlung bereits hätte beginnen können.
Der Aufenthalt auf der onkologischen Station war für mich insgesamt eine bedrückende, aber
zugleich wichtige Erfahrung. Auch in Deutschland hatte ich bisher noch nie in diesem
Fachbereich gearbeitet. Umso eindrücklicher war es zu sehen, mit welchen
Herausforderungen die Menschen hier konfrontiert sind, aber auch, welche Möglichkeiten
Malawi inzwischen in der Krebsbehandlung geschaffen hat. Zwischen Hoffnung, Leid und
bemerkenswerter Stärke der Patientinnen und Patienten habe ich viele Erfahrungen
gesammelt, die mich noch lange begleiten werden.
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